01die antwort
Hängt der Charakter vom Sternzeichen ab?
Die Behauptung „Dein Sternzeichen verrät, wer du bist“ ist nach den vorliegenden Studien falsch. Forschende haben geprüft, ob Persönlichkeitsmerkmale mit dem Sternzeichen zusammenhängen, und in 2 großen Studien zeigte sich kein solcher Zusammenhang.1 2
Die ältere der beiden Studien stammt aus dem Kanton Zürich: Im Jahr 1971 wurden dort 3.074 ansässige 19-jährige Männer erfasst; nach Angaben der Autoren waren das annähernd 50 % der Gleichaltrigen, und die Stichprobe war repräsentativ.1 Ihre Persönlichkeit wurde mit einem differenzierten Messinstrument erhoben, dem Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI), und mit den 12 Tierkreiszeichen verglichen.1 Die statistische Auswertung, 1976 veröffentlicht, ergab „keinerlei Anhaltspunkte für irgendwelche Zusammenhänge“.1
Die neuere Studie erschien 2020 im Journal of Personality and Social Psychology und befasst sich in mehreren Teilstudien mit astrologischen Stereotypen und Diskriminierung in China.2 In 2 dieser Teilstudien sagte das Sternzeichen weder die Persönlichkeit von 173.709 Personen noch die Arbeitsleistung von 32.878 Personen vorher.2 Mit mehr als 56-mal so vielen Teilnehmenden wie in Zürich bestätigte sie damit den älteren Befund.1 2
Sterne prägen dich nicht.
02der test
Treffen ganze Geburtshoroskope zu?
Gegen Studien zum Sternzeichen lässt sich einwenden, dass die Astrologie weitere Angaben berücksichtigt. Auch die Zürcher Autoren halten fest, dass sich die Beliebtheit der astrologischen Charakterkunde nicht allein auf die Stellung der Sonne gründet; diese sei aber ein wesentlicher Bestandteil der astrologischen Betrachtungsweise.1 Ein Geburtshoroskop wird aus den Geburtsdaten berechnet und umfasst mehr als das Sternzeichen.1 3
Ganze Geburtshoroskope hat ein kleiner Doppelblindtest von 2008 geprüft, an dem 52 Studierende teilnahmen, 38 Frauen und 14 Männer mit einem mittleren Alter von 19,3 Jahren.3 Doppelblind heißt ein Test, bei dem weder die Teilnehmenden noch die Versuchsleitung wissen, welche Variante die echte ist.
Bei der astrologischen Beschreibung bekam jede Person eine echte und eine falsche vorgelegt; als Gegenprobe diente ein Persönlichkeitstest, das NEO Five-Factor Inventory (NEO-FFI).3 Eine solche Gegenprobe zeigt, ob die Teilnehmenden eine zutreffende Beschreibung ihrer Persönlichkeit überhaupt erkennen können. Maßstab war der Zufall: Überzufällig oft heißt häufiger, als bloßes Raten erwarten lässt.3
03die erklärung
Warum erkennst du dich im Horoskop wieder?
Warum Horoskope dennoch oft passend wirken, untersucht die Psychologie unter dem Begriff Barnum-Effekt.4 5 Gemeint ist die Neigung, vage, mehrdeutige und allgemeine Aussagen als zutreffende Beschreibung der eigenen, einzigartigen Persönlichkeit anzunehmen.4 Eine Übersichtsarbeit von 1985, die den damaligen Forschungsstand zusammenfasst, kommt zu dem Schluss, dass die Zustimmung zu solchen Beschreibungen von ihrer Relevanz und ihrer Günstigkeit abhängt und zum Teil von der Art des eingesetzten Verfahrens.4 Vage und schmeichelhafte Aussagen über dich hältst du deshalb leicht für zutreffend.4
Auch im Doppelblindtest von 2008 beobachteten die Autoren einen Barnum-Effekt, und zwar bei den Einschätzungen der astrologischen wie der psychologischen Beschreibungen.3 Eigens für die Astrologie hat eine Studie von 1989 den Effekt bei Menschen untersucht, die an Astrologie glauben, und bei solchen, die ihr skeptisch gegenüberstehen.5 Die Persönlichkeitsbeschreibungen wurden dort entweder der Astrologie zugeschrieben oder als Aussagen vorgestellt, die auf die Person zutreffen können oder auch nicht.5
Sowohl Skeptiker als auch Menschen, die an Astrologie glauben, hielten die astrologischen Beschreibungen für zutreffender als identische Beschreibungen ohne astrologischen Bezug.5 Wer an Astrologie glaubte, nahm Beschreibungen eher als zutreffend an als Skeptiker.5 Günstige Beschreibungen galten in der Regel als zutreffender als ungünstige; eine Ausnahme gab es bei denen, die an Astrologie glauben: Sie akzeptierten eine negative astrologische Beschreibung ebenso wie eine positive.5
Der Effekt beschränkt sich also nicht auf Menschen, die an Astrologie glauben.5 Die Übersichtsarbeit gibt allerdings den Forschungsstand von 1985 wieder, und der Befund zu Skeptikern beruht auf einer einzelnen Studie.4 5

04die einordnung
Wie aussagekräftig sind die Studien zu Sternzeichen und Charakter?
Das Urteil stützt sich auf 2 große Studien aus verschiedenen Jahrzehnten, die zum selben Ergebnis kamen.1 2 Die Zürcher Studie ist eine Zweitauswertung, also eine neue Auswertung von Daten, die 1971 für eine andere Fragestellung erhoben worden waren.1 Sie umfasst nur 19-jährige Männer aus einem Kanton und prüft nur das Sonnen-Tierkreiszeichen, also das Sternzeichen im üblichen Sinn.1
Die neuere Studie ist mit 173.709 Personen weit größer und betrachtet ebenfalls das Sternzeichen.2 Ganze Geburtshoroskope prüfte unter den hier vorgestellten Arbeiten nur der Doppelblindtest, und er ist mit 52 Studierenden ein einzelnes, kleines Beispiel.3 Die beiden großen Studien und der Doppelblindtest beziehen sich auf die Persönlichkeit; in Zürich und im Doppelblindtest wurde sie jeweils mit einem Persönlichkeitstest erfasst.1 2 3
Horoskope zu lesen kann Freude machen. Dass sie deine Persönlichkeit beschreiben, stützen die hier vorgestellten Studien jedoch nicht.1 2 3
05häufige fragen
Häufige Fragen
Hat das Sternzeichen Einfluss auf den Charakter?
Nach den vorliegenden Studien nicht: In 2 großen Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Sternzeichen und Persönlichkeit.1 2 In der größeren davon sagte das Sternzeichen die Persönlichkeit von 173.709 Personen nicht vorher.2
Haben Menschen mit dem Sternzeichen Krebs einen bestimmten Charakter?
Die vorliegenden Studien geben dafür keinen Hinweis: Eine Studie mit 3.074 jungen Männern aus dem Kanton Zürich verglich die Persönlichkeit mit allen 12 Tierkreiszeichen, also auch mit dem Krebs, und fand keinerlei Anhaltspunkte für einen Zusammenhang.1 Auch in einer neueren Studie mit 173.709 Personen sagte das Sternzeichen die Persönlichkeit nicht vorher.2
Treffen Horoskope auf die Persönlichkeit zu?
Ein kleiner Doppelblindtest spricht dagegen: 52 Studierende konnten die Beschreibung aus ihrem echten, per Computer berechneten Geburtshoroskop nicht von einer falschen unterscheiden, ihr echtes Profil aus einem Persönlichkeitstest aber überzufällig oft erkennen.3 Dass Horoskope trotzdem oft passend wirken, erklärt die Psychologie mit dem Barnum-Effekt.4 5
Ist Astrologie eine Wissenschaft?
Die hier vorgestellten Studien fällen darüber kein allgemeines Urteil, sie prüfen aber astrologische Aussagen über die Persönlichkeit mit wissenschaftlichen Methoden.1 2 3 Das Sternzeichen, nach den Autoren der Zürcher Studie ein wesentlicher Bestandteil der astrologischen Betrachtungsweise, hing dabei in 2 großen Studien nicht mit der Persönlichkeit zusammen.1 2 Auch die Beschreibungen aus ganzen Geburtshoroskopen erkannten Studierende in einem kleinen Doppelblindtest nicht als ihre eigenen.3
Was ist der Barnum-Effekt?
Der Barnum-Effekt bezeichnet die Neigung, vage, mehrdeutige und allgemeine Aussagen als zutreffende Beschreibung der eigenen, einzigartigen Persönlichkeit anzunehmen.4 Wie stark Menschen solchen Beschreibungen zustimmen, hängt nach einer Übersichtsarbeit von ihrer Relevanz und ihrer Günstigkeit ab.4 In einer Studie hielten sogar Skeptiker dieselbe Beschreibung für zutreffender, wenn sie als Horoskop galt.5
06belege
Belege
- [1]Angst, J., Scheidegger, P. (1976). Tierkreiszeichen und Persönlichkeit. Sozial- und Präventivmedizin 21 (1), 39–41. doi.org/10.1007/BF01994375
- [2]Lu, J. G., Liu, X. L., Liao, H., Wang, L. (2020). Disentangling stereotypes from social reality: Astrological stereotypes and discrimination in China. Journal of Personality and Social Psychology 119 (6), 1359–1379. doi.org/10.1037/pspi0000237
- [3]Wyman, A. J., Vyse, S. (2008). Science Versus the Stars: A Double-Blind Test of the Validity of the NEO Five-Factor Inventory and Computer-Generated Astrological Natal Charts. Journal of General Psychology 135 (3), 287–300. doi.org/10.3200/GENP.135.3.287-300
- [4]Dickson, D. H., Kelly, I. W. (1985). The ‘Barnum Effect’ in Personality Assessment: A Review of the Literature. Psychological Reports 57 (2), 367–382. doi.org/10.2466/pr0.1985.57.2.367
- [5]Glick, P., Gottesman, D., Jolton, J. (1989). The Fault is not in the Stars: Susceptibility of Skeptics and Believers in Astrology to the Barnum Effect. Personality and Social Psychology Bulletin 15 (4), 572–583. doi.org/10.1177/0146167289154010
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