01die antwort
Warum gähnt man?
Gähnen hängt eng mit Müdigkeit zusammen: Eine Übersichtsarbeit beschreibt, dass es in Zuständen geringer Wachheit ausgelöst wird.2 Gut dokumentiert ist nach derselben Arbeit auch, dass Menschen am häufigsten vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen gähnen.2
Diese Deutung der Müdigkeit als Auslöser stützt sich auf Beobachtungen und nicht auf Versuche, in denen die Müdigkeit gezielt verändert wurde.2 Dieselben Beobachtungen lassen zudem mehr als eine Erklärung zu: Gallup und Eldakar, die Verfasser der Übersichtsarbeit, erklären die typischen Tageszeiten mit der Temperatur des Gehirns.2
Beschrieben ist damit, wann du gähnst, aber nicht, wozu. Über Ursprung und Funktion des Gähnens wird seit Jahrhunderten spekuliert,1 und bis heute fehlt ein Konsens darüber, welche Funktion es erfüllt.2
02die versuche
Ist Sauerstoffmangel die Ursache für Gähnen?
Nach der Atmungshypothese soll Gähnen dem Körper mehr Sauerstoff verschaffen oder auf zu viel Kohlendioxid reagieren; Provine und Kollegen haben diese Annahme 1987 in einer experimentellen Studie mit 2 Versuchen geprüft.3 Die Teilnehmenden waren im College-Alter, also junge Erwachsene.3
Im ersten Versuch atmeten sie reinen Sauerstoff oder Gasgemische mit 3 oder 5 % Kohlendioxid; zum Vergleich diente Druckluft.3 Obwohl beide die Atemfrequenz erhöhten, veränderten weder der Sauerstoff noch die Gasgemische das Gähnen signifikant, also in einem Maß, das sich statistisch vom Zufall abhebt.3 Im zweiten Versuch verdoppelte körperliche Anstrengung die Atemfrequenz, ohne dass sich das Gähnen veränderte.3
Nach Ansicht der Forschenden legen die beiden Versuche nahe, dass Gähnen keine vorrangige Funktion für die Atmung erfüllt.3 Es handelt sich um eine einzelne Studie, doch die Übersichtsarbeiten von Guggisberg und Kollegen und von Gallup und Eldakar kommen für die Atmungshypothese zum selben Ergebnis: Die erste zählt sie zu den Erklärungen, denen Belege fehlen, die zweite bezeichnet sie als widerlegt.1 2
03die hypothesen
Macht Gähnen wach oder kühlt es das Gehirn?
Nach der Wachheitshypothese soll Gähnen dich aktivieren und so wacher machen; Studien, die eine solche Aktivierung beim Gähnen gemessen haben, liefern nach der Übersichtsarbeit von Gallup und Eldakar jedoch widersprüchliche Ergebnisse.2 In der Übersichtsarbeit von Guggisberg und Kollegen gehört sie zu den Erklärungen über eine körperliche Funktion des Gähnens, für die Belege fehlen.1
Die Hypothese der Gehirnkühlung besagt, dass Gähnen das Gehirn kühlt; Gallup und Eldakar, die sie begründet haben, berichten, zahlreiche Studien hätten die daraus abgeleiteten Vorhersagen bestätigt und wiederholt.2 Als Beispiel nennen sie eine Beobachtung in Tucson: Dort gähnten Passantinnen und Passanten im Winter bei 22 °C mit fast doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit wie im Frühsommer bei 37 °C.2
Umstritten ist die Hypothese dennoch: Auch für sie fehlen nach Guggisberg und Kollegen die Belege,1 und Gallup und Eldakar räumen selbst ein, dass manche Forschende skeptisch bleiben.2 Statt einer körperlichen Funktion sehen Guggisberg und Kollegen zunehmende Belege für eine kommunikative Funktion des Gähnens, also für eine Aufgabe im Umgang mit anderen Menschen.1
Mehr Sauerstoff
ist laut Versuchen kaum der Zweck.3
Als Wachmacher
ist Gähnen nicht eindeutig belegt.2
Die Gehirnkühlung
ist eine umstrittene Hypothese.2
Ein Konsens fehlt bisher.
04die ansteckung
Warum ist Gähnen ansteckend?
Von ansteckendem Gähnen spricht man, wenn jemand als Reaktion auf das Gähnen eines anderen gähnt; darin unterscheidet es sich vom spontanen Gähnen.5 In Beobachtungen steckte Gähnen unter Vertrauten eher an als unter Fremden.4 5 Ob Empathie die Ansteckung erklärt, ist umstritten.6
Die erste der beiden Beobachtungsstudien erfasste 2010 und 2011 über 1 Jahr hinweg das Gähnen von 109 Erwachsenen in ihrem gewohnten Umfeld, 56 Frauen und 53 Männern aus Europa, Nordamerika, Asien und Afrika, die alle älter als 16 Jahre waren.4 Die Ansteckungsrate war unter Verwandten und Lebenspartnern am höchsten, gefolgt von Freunden, Bekannten und zuletzt Fremden.4 Auch Fremde gähnten also mit, nur seltener, und Fremde wie Bekannte reagierten mit längerer Verzögerung als Freunde und Verwandte.4
Eine Folgestudie derselben Forschungsgruppe wertete nur Gähnen aus, das andere Anwesende hören, aber nicht sehen konnten: 294 hörbare von 2.001 Gähnereignissen, erfasst von November 2010 bis Mai 2019 bei Erwachsenen von 18 bis 77 Jahren.5 Auch hier steckte Gähnen unter Familie und Freunden signifikant häufiger an als unter Fremden und Bekannten.5 Zwischen Familie und Freunden sowie zwischen Bekannten und Fremden fand die Studie dagegen keinen signifikanten Unterschied.5
Beide Studien stammen von derselben Forschungsgruppe, und ihre Beobachtungszeiträume überschneiden sich, sodass Teile der Daten dieselben sein können; die Folgestudie ist deshalb keine unabhängige Wiederholung der ersten.4 5 Gemeinsam ist beiden der Unterschied zwischen Vertrauten und Fremden; die feinere Rangfolge der ersten Studie fand sich beim gehörten Gähnen nicht wieder.4 5
Gähnen ist ansteckend.
05die offene frage
Hat ansteckendes Gähnen mit Empathie zu tun?
Die Forschungsgruppe um Norscia und Palagi untersucht die Ansteckung im Zusammenhang mit Empathie, also der Fähigkeit, die Gefühle anderer nachzuempfinden; ihre Studie von 2011 nennt beides im Titel.4 Von den dort untersuchten Merkmalen sagte allein die soziale Bindung voraus, ob, wie oft und wie schnell jemand mitgähnte.4
Eine kritische, systematisch angelegte Übersichtsarbeit von Massen und Gallup aus dem Jahr 2017 fand zum Zusammenhang zwischen ansteckendem Gähnen und Empathie dagegen widersprüchliche und nicht eindeutige Ergebnisse.6 Als mögliche Störgrößen, also Einflüsse, die einen solchen Zusammenhang vortäuschen oder verdecken können, nennt sie unter anderem die visuelle Aufmerksamkeit und die soziale Hemmung.6 Ihr Titel fasst die Position zusammen: Ansteckendes Gähnen sei (noch) nicht mit Empathie gleichzusetzen.6
Die Folgestudie zum gehörten Gähnen begegnet dem Einwand der visuellen Aufmerksamkeit: Weil sie nur Gähnen auswertete, das nicht zu sehen war, kann ihr Befund nicht davon abhängen, wohin jemand gerade schaute.5 Andere mögliche Störgrößen schließt dieses Vorgehen nicht aus, und ob Empathie die Ansteckung erklärt, bleibt umstritten.6
06häufige fragen
Häufige Fragen
Was ist die Ursache für Gähnen?
Als Auslöser beschreibt eine Übersichtsarbeit Zustände geringer Wachheit, also Müdigkeit; am häufigsten gähnst du vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen.2 Wozu Gähnen dient, ist bis heute offen; ein Konsens über seine Funktion fehlt.1 2
Gähnt man wegen Sauerstoffmangel?
Nach den Versuchen einer Studie von 1987 ist das kaum der Fall: Weder reiner Sauerstoff noch Luft mit 3 oder 5 % Kohlendioxid veränderten das Gähnen signifikant, und auch eine Anstrengung, die die Atemfrequenz verdoppelte, blieb ohne Einfluss auf das Gähnen.3 Auch 2 Übersichtsarbeiten halten die Atmungshypothese für unbelegt beziehungsweise widerlegt.1 2
Warum gähnen wir?
Wozu Gähnen dient, ist bis heute offen.1 2 Eine Übersichtsarbeit hält die Erklärungen über Atmung, Wachheit und Wärmeregulation für unbelegt und sieht zunehmende Belege für eine kommunikative Funktion.1 Die Begründer der Hypothese, dass Gähnen das Gehirn kühlt, sehen sie durch zahlreiche Studien bestätigt; andere Forschende bleiben skeptisch.1 2
Ist Gähnen ansteckend?
Ja, Gähnen ist nachweislich ansteckend: Menschen gähnen auch als Reaktion auf das Gähnen eines anderen.4 5 In Beobachtungen steckte Gähnen unter Vertrauten eher an als unter Fremden, auch wenn das Gähnen nur zu hören war.4 5 Die beiden Beobachtungsstudien dazu stammen allerdings von derselben Forschungsgruppe.4 5
Warum muss man gähnen, wenn andere gähnen?
Geklärt ist das nicht: Eine Forschungsgruppe bringt die Ansteckung mit Empathie in Verbindung,4 eine kritische Übersichtsarbeit fand zum Zusammenhang zwischen ansteckendem Gähnen und Empathie aber widersprüchliche und nicht eindeutige Ergebnisse.6 Als mögliche Störgrößen, die einen solchen Zusammenhang vortäuschen können, nennt sie unter anderem die visuelle Aufmerksamkeit und die soziale Hemmung.6
07belege
Belege
- [1]Guggisberg, A. G., Mathis, J., Schnider, A., Hess, C. W. (2010). Why do we yawn? Neuroscience & Biobehavioral Reviews 34 (8), 1267–1276. doi.org/10.1016/j.neubiorev.2010.03.008
- [2]Gallup, A. C., Eldakar, O. T. (2013). The thermoregulatory theory of yawning: what we know from over 5 years of research. Frontiers in Neuroscience 6, 188. doi.org/10.3389/fnins.2012.00188
- [3]Provine, R. R., Tate, B. C., Geldmacher, L. L. (1987). Yawning: no effect of 3–5% CO2, 100% O2, and exercise. Behavioral and Neural Biology 48 (3), 382–393. doi.org/10.1016/S0163-1047(87)90944-7
- [4]Norscia, I., Palagi, E. (2011). Yawn contagion and empathy in Homo sapiens. PLoS ONE 6 (12), e28472. doi.org/10.1371/journal.pone.0028472
- [5]Norscia, I., Zanoli, A., Gamba, M., Palagi, E. (2020). Auditory contagious yawning is highest between friends and family members: support to the emotional bias hypothesis. Frontiers in Psychology 11, 442. doi.org/10.3389/fpsyg.2020.00442
- [6]Massen, J. J. M., Gallup, A. C. (2017). Why contagious yawning does not (yet) equate to empathy. Neuroscience & Biobehavioral Reviews 80, 573–585. doi.org/10.1016/j.neubiorev.2017.07.006
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