01die antwort
Gibt es heute mehr Fälle?
Bei jungen Menschen nicht: In Studien mit gleicher Methode ist der Anteil junger Betroffener seit Jahrzehnten nicht gestiegen.1 2 3 Gestiegen sind die Diagnosen.4 5 Für Erwachsene gibt es keinen solchen Zeitvergleich, nur Diagnosedaten.4 5
ADHS gilt als die häufigste Störung der neuronalen Entwicklung.2 Kennzeichnend ist anhaltende Unaufmerksamkeit oder Hyperaktivität mit Impulsivität.2 Die Diagnose setzt Beeinträchtigungen in mindestens 2 Lebensbereichen voraus, und bei vielen bleiben die Symptome bis ins Erwachsenenalter bestehen.4 5

02die messung
Was wird gemessen?
Wie häufig ADHS ist, messen Studien mit einheitlicher Methode: Sie untersuchen repräsentative Stichproben nach festen Kriterien.1 2
Abrechnungsdaten der Krankenkassen zählen dagegen nur Menschen, die eine Diagnose erhalten haben.4 5 Mehr Diagnosen bedeuten deshalb nicht automatisch mehr Betroffene.2

03die studien
Was zeigen 135 Studien?
Eine Übersicht wertete 135 Studien zu Kindern und Jugendlichen bis 18 Jahre aus, die von 1985 bis 2012 erschienen.1 Unterschiede zwischen ihnen erklärte vor allem die Methode; das Erscheinungsjahr hing nicht mit der gemessenen Häufigkeit zusammen.1 Dass sich die Diagnosepraxis verändert hat, schließen die Autoren nicht aus.1
Eine Übersicht über 40 Studien seit 2020 fand ebenfalls keinen gesicherten Anstieg der Häufigkeit; nur 4 dieser Studien hatten ein geringes Risiko für Verzerrungen.3

04weltweit
Was zeigen weltweite Daten?
Weltweit stieg die Zahl der Betroffenen unter 20 Jahren von 1990 bis 2021 um 9,7 %.2 Der Grund ist laut den Autoren, dass es mehr junge Menschen gibt: Ihr Anteil an allen unter 20-Jährigen sank im selben Zeitraum um 6 %.2
Die Daten stammen aus der Studie zur globalen Krankheitslast, einer Auswertung von Modellschätzungen; die Autoren halten sie über die Zeit für vergleichbar.2

05die diagnosen
Wie stark steigen die Diagnosen?
2023 hatten laut Abrechnungsdaten 3,6 % der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren eine ADHS-Diagnose, aber nur 0,6 % der Erwachsenen.5 Die Auswertung wurde von einem Arzneimittelhersteller finanziert.5
Bei gesetzlich versicherten Erwachsenen stiegen die Erstdiagnosen von ADHS und ADS von 8,6 je 10.000 im Jahr 2015 auf 25,7 im Jahr 2024, also auf rund das 3-Fache; bei Frauen von 6,7 auf 24,8.4
Als mögliche Gründe nennen die Autoren mehr Aufmerksamkeit für das Thema, einen neuen Diagnoseschlüssel ab 2019 und die Folgen der Corona-Pandemie.4 Sie vermuten vor allem verspätete Diagnosen, können das mit ihren Daten aber nicht belegen.4

06häufige fragen
Häufige Fragen
Haben heute mehr Kinder ADHS als früher?
Nein, in Studien mit gleicher Methode ist der Anteil junger Betroffener seit Jahrzehnten nicht gestiegen.1 2 3
Ist ADHS eine Modediagnose?
Gestiegen sind die Diagnosen, nicht der Anteil junger Betroffener; die Autoren einer Auswertung vermuten bei Erwachsenen vor allem verspätete Diagnosen.1 4
Wie viele Erwachsene haben eine ADHS-Diagnose?
2023 hatten laut Abrechnungsdaten 0,6 % der Erwachsenen eine ADHS-Diagnose, bei Kindern und Jugendlichen waren es 3,6 %.5
Warum gibt es mehr ADHS-Diagnosen bei Erwachsenen?
Mögliche Gründe sind mehr Aufmerksamkeit, ein neuer Diagnoseschlüssel ab 2019 und die Corona-Pandemie; belegt ist keiner davon.4
07belege
Belege
- [1]Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., Kieling, C., Rohde, L. A. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: an updated systematic review and meta-regression analysis. International Journal of Epidemiology 43 (2), 434–442. doi.org/10.1093/ije/dyt261
- [2]Cortese, S., Kim, M. S., Han, J. H., Oh, S. S., Yon, D. K., Il Shin, J., Solmi, M. (2026). Incidence, prevalence, and global burden of attention-deficit/hyperactivity disorder from 1990 to 2021 across 204 countries in individuals under age 20: data, with critical appraisal, from the 2021 Global Burden of Disease study. Molecular Psychiatry 31 (10), 5931–5940. doi.org/10.1038/s41380-026-03683-4
- [3]Martin, A. F., Rubin, G. J., Rogers, M. B., Wessely, S., Greenberg, N., Hall, C. E., Pitt, A., Logan, P. E., Lucas, R., Brooks, S. K. (2025). The changing prevalence of ADHD? A systematic review. Journal of Affective Disorders 388, 119427. doi.org/10.1016/j.jad.2025.119427
- [4]Ivanova, M., Holstiege, J., Akmatov, M. K., Müller, D., Kohring, C. (2025). The Incidence of AD(H)D-Spectrum Disorders in Adults. An Analysis of Nationwide Claims Data of the Statutory Health Insurance System in Germany, 2015–2024. Deutsches Ärzteblatt International 122 (25), 697–698. doi.org/10.3238/arztebl.m2025.0167
- [5]Betzler, F., Knop, J., Grönig, M., Timpel, P., Višković, V., Schöttle, D. (2026). ADHD in Children, Adolescents, and Adults: Incidence, Prevalence, and Treatment. An Analysis of Routine Health Insurance Data. Deutsches Ärzteblatt International 123 (10), 275–280. doi.org/10.3238/arztebl.m2026.0032
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